Als unser pakistanischer Lauffreund eine Laufreise nach Libyen anbot, waren wir sofort Feuer und Flamme. Ein Marathon im Land des früheren Oberst Gaddafi: das hätte was. Also auf die Interessentenliste setzen lassen und abwarten. Vor Weihnachten sollte die Anzahlung geleistet werden und nach der Eingangsbestätigung beantragten wir die eVisa. Die wurden recht flott erteilt und wir buchten die Flüge. Aus den Anreisealternativen mit Flughafenübernachtung Istanbul oder Kairo wählte ich die türkische Hauptstadt, weil wir diesen Flughafen inzwischen sehr gut kennen. Das diese Wahl einen weiteren Vorteil hatte, sollte sich auf der Rückreise zeigen. Nach Informationen zu Laufkleidung, Kopfbedeckung, usw. kam die Abfrage der gebuchte Flugverbindungen, zwecks Abholung und Unterstützung durch die örtliche Reiseagentur und Begleitung durch die Tourismuspolizei (auf allen unseren Wegen!) gaben 27 von knapp 50 Teilnehmern an, ebenfalls über Istanbul zu reisen.
Am Vortag klappte der Online check in nicht mit folgender Fehlermeldung: die Nationalität des Fluggasts und das Ausstellerland des Reisepasses müssen identisch sein. Nach 10 Versuchen am PC und der Handy-App rief ich die Hotline an, die keinen Fehler erkennen und uns auch nicht einchecken konnte. Also fragte ich 2 Dänen, 2 Deutsche und den Schweizer aus der Gruppe per whatsapp. Bei denen funktionierte es ebenfalls nicht, also wie immer in solchen Fällen: noch früher zum Flughafen, um am Schalter einzuchecken.
Am Flughafen wurde nach dem Visum gefragt und ich bekam meine Bordkarte. Inzwischen nur noch ich, weil Doris leider krankheitsbedingt absagen musste. Inzwischen war Danish-Klaus dazugestoßen, weil ihm die Rückreise über Hamburg (statt Kopenhagen) eine weitere Übernachtung in Istanbul ersparte. Ankunft in Istanbul war 23 Uhr und wir suchten uns einen ruhigen Platz zum Schlafen.
Morgens traf sich die Hälfte der Reisegruppe beim Betreten des Fliegers nach Tripolis: Pakistan, Schweiz, USA, Thailand, Serbien, Niederlande, China, Kanada - alles vertreten.
Nach der Landung kostete uns die Immigration 2 Stunden Wartezeit, trotz Unterstützung des lokalen Reiseleiters. Endlich im offenen Teil des Flughafens angekommen, wechselten wir viel zu viel Geld und kauften spottbillige SIM-Karten. Dann kamen die Begleiter der Tourismuspolizei dazu und wir fuhren in Kleinbussen gen Osten, aber nur einige Kilometer, um in einem kantinenartigen Restaurant Mittag zu essen. Sehr lecker und - was selten vorkommt - die Vegetarier durften als Erste ans Buffet. Nach dem sehr leckeren Essen ging’s weiter in Richtung Leptis Magna, einer alten römischen Stadt. Wir bezogen ein Ferienressort, dass sich problemlos mit 5-Sterne-Ferienanlagen auf Mallorca oder anderen europäischen Urlaubsregionen messen konnte. Durch den Ausfall von Doris war nicht geklärt, ob ich im Doppelzimmer bleiben könnte, ein Einzelzimmer bekäme oder einen Zimmerpartner. Ich bekam einen Zimmerschlüssel für mich allein, öffnete die Tür und bekam den Mund nicht wieder zu: 3 Schlafzimmer, 2 Badezimmer, 1 Wohnzimmer, 1 Esszimmer mit Küchenzeile, 1 Balkon und eine eigene innenliegende Terrasse mit kleinem Pool - nur für mich. Die anderen wohnten genauso exklusiv. Nach einem kurzen Besuch am Strand war Abendessen, im gleichem Niveau, nicht arabisch oder afrikanisch. Anschließend war das Briefing für den Lauf am nächsten Morgen, Vorstellung der örtlichen Reiseleiter und den sportlich Verantwortlichen (aus dem Sportministerium). Laut örtlichem Reiseleiter sind wir die größte Reisegruppe im Land seit der Revolution 2011. Jetzt konnten sich die Läufer intensiver austauschen - nicht nur mit dem Sitznachbarn im Flieger, Kleinbus oder Restaurant. Trotzdem freute ich mich aufs Bett nach der nicht ganz so erholsamen Nacht auf dem Istanbuler Flughafen.
Laufgerecht bekleidet zum Frühstück und danach mit dem Bus zur historischen Stätte Leptis Magna. Die üblichen Fotos wurden geschossen, Interviews für einen Regionalsender, eine kurze Ansprache .. und los.
Wir starteten auf einer alten römischen Handelsstraße und nach ca. 2 Kilometern erreichten wir eine Teerstraße, auf der wir 13 Runden gegen den Uhrzeigersinn laufen würden, die sich später in eine festgefahrene Sandstraße änderte und zum Ende durch eine Sanddüne mit Anstieg wieder auf die Teerstraße führte. Am Ende der Runde saßen die Rundenzähler, es gab Wasser, später auch Cola und Obst. Dort war der Rettungsdienst postiert und die Toilettenhäuschen. An jedem wichtigen Abzweiger stand ein Streckenposten und es gab noch 3 weitere Wasserstationen. Die Strecke war bis auf Fahrzeuge vom Veranstalter verkehrsfrei. Optimal. Die Temperaturen lagen zu Beginn bei 20 Grad und es gab eine angenehme Brise vom Meer. Diese Brise wurde im Laufe des Rennens stärker und trieb an der Düne manchmal sogar Sandwolken vor sich her. An den ungeschützten Passagen machte der Wind mir das „Läuferleben“ einige Male ganz schön schwer. Durch die Rundenlänge von etwas über 3 Kilometern hatte ich immer wieder Gelegenheit zu überrundeten Teilnehmern aufzuschließen und wurde selbst nur 3mal überholt und konnte eine zeitlang an der ersten Frau dranbleiben. Heute wollte ich ein wenig Gas geben und dem einen oder anderen zeigen, was der „alte Mann“ noch so drauf hat, vor allem, weil beim letzten Lauf einige Teilnehmer deutlich vor mir aufhörten zu laufen. Schließlich wurde ich hinter den üblichen Verdächtigen und der ersten Frau Gesamtfünfter in 4:25 Stunden. Der Zieleinlauf war in der römischen Arena am Meer gelegen und hatte Einmaligkeitsstatus. Nachdem ich mich erholt und der Pakistani Ziyad mir die Medaille überreicht hatte, ging ich die 300m zurück zur Laufrunde, um meinen Kleiderbeutel abzuholen. Damit zurück ins Stadion, umziehen und essen und trinken. Dann ging's auf Fototour in und um die Arena - fantastische Eindrücke. Mein erster Gedanke: in Griechenland oder Italien wäre der gesamte Bereich abgesperrt, man müsste Eintritt bezahlen und zig Studenten würden auf dem Boden rumkrabbeln und mit kleinen Pinseln, Bürsten und Schaufeln bewaffnet die Steine freilegen, messen und katalogisieren. Hier sah es dagegen so aus, als hätte eine Abrissbirne gewütet und die Reste warteten auf die Abholung durch eine Entsorgungsfirma.
Per Bus fuhren wir zurück ins Hotel, nachdem wir Läufer den Wunsch der Sanitäter erfüllt hatten, nämlich ein Gruppenfoto mit selbigen vor ihrem Einsatzfahrzeug. Nach einer sehr warmen und langen Dusche, etwas Erholung fand die Siegerehrung statt, bei der ich sogar die Masterwertung gewann. Wegen Qualitätsmängeln hatte Ziyad die bestellten Glaspokale für die Finisher in allen 27 Mittelmeeranrainerstaaten an den Lieferanten zurückgeschickt. Diese Challenge hatte ich heute nämlich ebenfalls erfüllt.
Anschließend genossen wir das Abendessenbuffet ausgiebig.
Am nächsten Morgen verließen wir leider diesen herrlichen Ort und besuchten das historische Museum über die Römerzeit in Libyen. Mittagessen in einem (wahrscheinlich besonderen) Restaurant in Tripolis, nur waren die Kellner mit unseren Bestellungen etwas überfordert. Die wurde zwar vom Oberkellner mit dem Dolmetscher aufgenommen, jedoch erfolgte die Auslieferung durch andere Kellner, was bei 50 Gästen (von denen nur 4 arabisch sprechen) schief gehen kann. Nach dem Einchecken im Hotel, das leider nicht annähernd die Qualität des ersten hatte, fuhren wir in die Altstadt zum Stadtrundgang. Einige Schülerinnen feierten ihren Schulabschluss mit Talar, Absolventenhut, Scherpe und großem Blumenstrauß. Wir kauften Kleinigkeiten, tranken Kaffee. Kurz vor Ende der Zone, die wir nun frei erkunden durften, hörte ich auf einem Innenhof charakteristische Fussballgeräusche. Richtig, hier bolzten sie 4 gegen 4 in einem Käfig auf Kunstrasen. Meine Begeisterung war perfekt, da der begnadetste Spieler ein HSV-Trikot trug. In einer Pause zeigte ich ihm meine Brust. Da lächelte er und sagte „Hamburg“. Nun lächelte auch ich. Es ging zum Abschlussessen in ein italienisches Restaurant. Die hatten es besser drauf, brachten fertige Platten an die Tische und platzierten die Vegetarier an einem gesonderten Tisch. Nun hieß es Abschied nehmen von der halben Truppe, die am nächsten Tag nicht über Istanbul zurückreisen wollte.
Der Konjunktiv II im Vorsatz wurde am nächsten Vormittag real. Über Tripolis fegte ein Sandsturm und verhinderte die Landung der Turkish Airlines Maschine. Die flog nach Tunis und wieder zurück. Da wir die Immigration schon absolviert und alle nur Visas zur einmaligen Einreise hatten, war ich sehr gespannt, wie das jetzt geregelt würde. Vorteil, wenn man mit dem Reiseleiter im selben Boot sitzt. Der rief die örtlichen Ansprechpartner an, die kamen recht schnell und erklärten der Grenzpolizei die Situation. Unbürokratisch wurden das Datum im Ausreisestempel in unseren Pässen durchgestrichen. Dann fuhren wir mit den uns schon bekannten Tourismuspolizisten und Begleitern ins Radisson Blu-Hotel, in dem wir von der Fluggesellschaft untergebracht wurden. Diesmal bekam jeder ein Einzelzimmer. Ich machte das beste aus dem angebrochenen Nachmittag und schaute mir den HSV-Sieg live auf dem ipad an. Übrigens bei deutlich angenehmeren Temperaturen als für die Fans im Stadion, die sich bei Minus-Temperaturen warmhüpfen mussten, wir mir später berichtet wurde. Am nächsten Tag klappte die Rückreise und am späten Sonntagabend holte Doris uns vom Hamburger Flughafen ab. Klaus fuhr mit einer Thermoskanne schwarzem Tee und einer Flasche Cola Zero weiter nach Dänemark. Ich fiel todmüde ins Bett. Das waren die Planänderungen auf meiner Reise zum 115. Länderpunkt.
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